Doku zu Bischofferode

Was mich letzten November bei unserer Winterreise nach Bischofferode so beeindruckt hat, wird in dieser tatsächlich sehr guten mdr-Reportage noch einmal auf erschütternde Weise dokumentiert – und zwar nicht nur die absolut brutale Banalität der Logik (des Phantasmas) des Marktes, an der die gen Westen gerichteten Hoffnungen der Eichsfelder Kali-Bergleute schnell zerschellten, sondern auch das ungeheure und am eignen Leib erarbeitet Wissen dieser ostdeutschen wie anderer osteuropäischer Transformations-Generationen, die binnen weniger Wochen und Monate die Mechanismen des neuen Systems erlernten, also aneigneten, um sich in ihnen und dann auch gleich schon gegen sie zu ermächtigen. Oder es zumindest zu versuchen.
Unbedingt anschauen!

Ich sehe, wie du mich (nicht) siehst.

Es ist mir in den letzten Jahren in Berlin ein paar wenige Male passiert, dass mich britische oder amerikanische Touristinnen, die mich auf der Suche nach irgendetwas ansprachen, als Einheimische einordneten und sogleich nicht mehr hörten.

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Foto: Daniel Blochwitz

Sie hörten wohl, dass ich Englisch mit ihnen sprach und sie hörten wohl auch, was ich ihnen sagte, und mussten gemerkt haben, dass sie, was ich ihnen sagte, gut verstanden. Und doch antworteten sie mir in einfachstem Englisch, sich stets vergewissernd, dass ich ihnen folgen konnte; im Zweifel ließen sie auf ein vermeintlich zu kompliziertes Wort noch eine einfachere Umschreibung folgen. Sie sprachen langsam, sehr laut, und deutlich.

Sie hörten nicht, was man hätte hören können: dass ich die englische Sprache seit vielen Jahren als adoptierte zweite Muttersprache spreche, eine Zeit lang auch als erste. Sie hörten mich nicht mehr, nachdem sie mich eingeordnet hatten, als nicht-Britin, nicht-Amerikanerin, kurz als Aus-, oder besser, ihnen fremde Inländerin – der die andere Sprache fremd sein musste.
Sie haben mich darin mit sich selbst verwechselt.

Ich bin mir sicher, obwohl ich es nicht überprüfen konnte, dass dieses Menschen waren, die nie im Leben eine zweite Sprache gelernt hatten, die bestenfalls vor vielen Jahren an einem Grundlagenkurs Französisch an der High School oder auf dem College gescheitert waren, erstarrt vor der schieren Unmöglichkeit, der unglaublichen Anmaßung, dass eine andere Sprache für jemanden, der nicht in sie hineingeboren worden war, überhaupt jemals zu begreifen sein könnte. Als ich in den 1980ern in der DDR aufwuchs, gab es so eine Ehrfurcht vor dem Englischen. „Wie man das th korrekt ausspricht, wird man, wenn man die Sprache nicht von Kind auf spricht, niemals lernen. Das schafft die erwachsene Anatomie nicht mehr. Ist der Mund einmal geformt, kann er die fremde Phonetik nicht mehr nachahmen.“

Als mich die Verhältnisse in den frühen 1990ern im neu zusammengeschlossenen Deutschland zu einer vermeintlichen Inländerin machten, erlebte ich Ähnliches, nur auf der Ebene des Sprechens, statt der Sprache.

Die Art und Weise, wie der Westen damals den Osten – quasi rückstandslos – in sich hineinzupassen gedachte, unterscheidet sich, denke ich, nur unwesentlich davon, wie man den heutigen Neuankömmlingen begegnet. Nur scheint mir heute eher eine überhebliche Forderung damit verbunden. Damals war es überheblicher Großmut.

Man schenkte den Ostlern, sie in den Westen und in sein Sprechen aufzunehmen. Ihre Gegenleistung war nicht, ein Sprechen aufzugeben, an dem sie möglicherweise hätten festhalten wollen. Ihre Gegenleistung war, dass sie qua ihres vermeintlich enthusiastischen Ankommens im Westen schon bewiesen hatten, dass sie ihr Sprechen abzulegen nicht nur bereit waren, sondern, anstelle eines eigenen Sprechens prinzipiell nur eine Leerstelle besaßen, oder bestenfalls etwas, über dessen fundamentale Nutzlosigkeit sie sich mit ihren Gastgebern, den Inländern, bereits im Einvernehmen befanden. Von diesen Neuankömmlingen war kein Widerstand zu erwarten, sondern ein dankbares und williges sich Einfügen.

Boris Buden beschreibt in Zone des Übergangs das Glück der Westler, die sich am 9. November 1989 an der Euphorie in den Augen der Ostler beim Überqueren der Mauer in Richtung Westen berauschen. Im Glück der Ostler beim Anblick des Westens, erkannten sie einen Glauben an das Versprechen des eigenen Systems, der ihnen selbst seit langem fehlte. In den Blicken der Neuankommenden von heute erblickt der Westen keine Bewunderung, sondern Begehren: den unbedingten Willen, Dinge, von denen man selbst immer schon zu wenig hat, an sich zu reißen.

Der Osten war damals gerade durch die Euphorie einer Revolution gegangen. Er hatte eine Art des Sprechens, die Jahrzehnte zuvor mit einem Versprechen einhergegangen war, mit ihrer Glaubwürdigkeit auch jeden Anschein von Natürlichkeit verlieren sehen. Zwischen den Zeilen lesen, eine doppelte Sprache sprechen waren die Soft Skills eines Ostens, in dem die Sprache und das Sprechen im Herbst 1989 schließlich zum Medium und Schauplatz einer unerhörten, kurzzeitigen Selbstermächtigung wurden. Mit diesen Erfahrungen kamen die Ostler in den Westen.

Bei meiner ersten Westreise erklärte ein Westverwandter, wie dreist es von den schwarzen Südafrikanern sei, sich plötzlich selber regieren zu wollen. („Gerade erst aus dem Busch gekommen.“) Der Verwandte war Manager bei einem Elektronikkonzern in Braunschweig und seine Wände waren mit den Fellen und Köpfen der Keiler behangen, die er in seiner Freizeit selbst erlegt hatte. Bei meiner zweiten Westreise saßen wir bei Freunden der Familie in Düsseldorf am Fernseher und sahen zu, wie die Rumänen die Ceaușescus exekutierten. Danach gingen wir bei einem Ausflug nach Bonn am Bundestag spazieren. Alles sah so aus, wie wir es aus den Westnachrichten kannten. Die dritte Reise war eine Klassenfahrt, auf Einladung des Lion’s Clubs, nach Bamberg. Der Vorstand der örtlichen Sparkasse berichtete uns von den Vorzügen der firmeneigenen Sozialversorgung. Das ganze Dutzend Herren war vor den Kopf gestoßen, als eine von uns fragte, warum es denn im Vorstand keine Frauen gäbe. Das war die Zeit, in der wir in der Schule mit unseren Lehrern darüber sprachen, aus welchen Gründen sie in die Partei eingetreten waren, und ob es besser sei, nun konsequenterweise in selbiger zu bleiben, oder aus ihr auszutreten. Und ob sie meinten, damit Schuld auf sich geladen zu haben. Und wie man mit dieser einen Umgang finden könnte. Der neue, westdeutsche Bürgermeister lud unsere Klasse zu einem Sektempfang ins Rathaus, zur Eröffnung einer Ausstellung, die uns auf Bildtafeln erklärte, warum rote und braune Diktatur im Grunde genau das Gleiche seien. Wir nahmen den Sekt und fuhren Paternoster. Der Westen war uns nicht fremd. Er war uns nur befremdlich.

Wenn man als Fremde in etwas ankommt, dass sich als das Normale, das Natürliche setzt, weil es seine eigene Normalität niemals in Frage stellen musste, ist man im Vorteil. Man kann sehen, wie man als das Andere gesehen wird und wie dieses Anderssein beim Inländer nie das eigene Anderssein ins Bewusstsein ruft, sondern immer nur das eigene Normalsein. Nicht die Kontingenz, sondern das vollständige Einssein mit der Muttersprache. Man sieht, wie das Gegenüber einen nicht sieht, und dass das Gegenüber nicht sieht, dass man auch dieses Nicht-gesehen-Werden sehen kann, und verstehen. Für den Neuankömmling, sind die Inländer unschuldig und transparent wie Kinder. Die „Unschuld in den Gesichtern der Passanten westdeutscher Fußgängerzonen“, hieß das in etwa bei Heiner Müller.


Dieser Text ist auf Einladung des wunderbaren Projekts „Man schenkt keinen Hund“* enstanden, das Unterrichsmaterialien der Deutschkurse für Migrant*innen auf die dort vermittelten Integrationskonzepte befragt. „Man schenkt keinen Hund“ (Christine Lemke in Kollaboration mit Scriptings) versucht über unterschiedliche Zugänge und künstlerische / theoretische Strategien die identitären Diskurse um das Konzept „Integration“ zu befragen und diese hinsichtlich ihrer Ausprägungen in der inhaltlichen, ikonographischen und pädagogischen Gestaltung der Lehrmaterialien für Integrationskurse zu untersuchen. Der Reader zum Projekt, in dem auch mein Text enthalten sein wird, erscheint im Herbst 2018.

Mehr Infos: http://www.scriptings.net/index.php/man-schenkt-keinen-hund/about/

 

Winterreise: Bischofferode

F/STOP: DIE WINTERREISE: BISCHOFFERODE: “In ihrem »Moskauer Tagebuch« fragt Christa Wolf, ob es soetwas wie produktive Trauer geben könne. Gestern in Bischofferode, im Kali-Bergbau-Museum als der Bergmann Willi Nebel über die Arbeitskämpfe von 1993 erzählte,

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vom Hungerstreik der Arbeiter, der die Schließung des Werkes nicht abwenden konnte, war in jedem seiner Sätze deutlich wie stark die 24 Jahre zurückliegenden Ereignisse noch in ihm arbeiten. Wer die Geschichte der Wiedervereinigung zu verstehen sucht, sollte nach Bischofferode fahren, genauer als im Museum des Thomas-Müntzer-Kalivereins wird man sie kaum erzählt bekommen.”

Danke, F/STOP Leipzig, für diese erschütternde Konfrontation mit dem hier und allerorts noch gänzlich unbearbeiteten Gündungstrauma des wiedervereinigten Deutschlands. Danke Jan Wenzel, für den Reisebericht (and Andreas Rost für die Bilder!). Produktiv ist die Trauer ja leider vielleicht schon, die Frage wäre, wie sie auch positiv produktiv werden kann.

Was ich aber auch aus Bischofferode mitnehme: Das Ausmaß der Proteste und der Solidaritätsbewegung, die Geschwindigkeit und die akute politische Intuition, mit der die Kalikumpel und ihre Familien sich organisierten, und ihr unglaubliches Durchhaltevermögen.

Die Brutalität und Kaltschneuzigkeit, mit der in der Niederschlagung ihrer Proteste sogleich die tatsächlichen Verhältnisse der sich als Sieger der Geschichte feiernden marktwirtschaftlichen Demokratie an ihnen durchexerziert wurden, spricht von der tiefen Panik, die die Möglichkeit eines Gelingens bei der anderen Seite auslöste. Die Furcht muss groß gewesen sein, dass sich hier, aus dem Impuls der einen, gerade vergangenen Revolution, eine weitere, vielleicht noch viel grundlegendere, globalere manifestieren könnte.

Die Fotos auf der Schautafel unten wurden von protestierenden Kumpels in Berlin während einer Demo aufgenommen, von ihren Frauen über Nacht in Bischofferode entwickelt und am nächsten Tag in Berlin den Behörden vorgelegt um – erfolgreich – zu belegen, dass die einzigen gewaltsamen Provokationen der Demo von (schlecht getarnten) Zivilpolizisten ausgingen.

Schautafel im Kali-Museum mit Fotos von einer Demonstration in Berlin
Ausstellungsdetail Kali-Museum in Bischofferode
Schautafel: “Tagebuch” des Hungerstreiks im August 1993

 

Dokumente zu “Ostwind” erschienen

“Dabei sahen die Jahre zwischen 1990 und 1994 – ein Sonderfall war der Aufstand der Arbeiterinnen und Arbeiter am 17. Juni 1953 gegen das SED-Regime – die wahrscheinlich größte und längste Welle von betrieblich und regional-gewerkschaftlich selbst organisierten sozialen Widerstands- und Protestaktionen seit der Novemberrevolution. Mindestens 150 ,wilde’ Streiks 1991, 200 jeweils in den Jahren 1992 und 1993,

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die stets mit anderen Protestaktionen kombiniert waren, kennzeichneten diese Jahre. Zudem waren diese Widerstandsaktionen häufig sehr radikal. Hinzu kamen drei große Tarifstreiks von DGB-Gewerkschaften. Doch diese Streiks und Betriebsbesetzungen, Autobahnblockaden, die Besetzung des Rügendamms oder des Dresdner Flughafens sind nicht in die Geschichtserzählung der Linken eingegangen.”

Zitat aus dem Vorwort von Bernd Gehrke zu der außerordentlich umfassenden und wichtigen Recherche des Arbeitskreis Geschichte sozialer Bewegungen Ost-West, die jetzt auf

Initiative Ostdeutscher und Berliner Betriebsräte, Personalräte und Vertrauensleute

als PdF zum download bereit steht. 

“Standing Still”

My text “A Vocabulary of Revolutionary Gestures: Standing Still” has been published in Feminist Media Studies. Volume 17, 2017 – Issue 4: Affective Encounters: Tools of Interruption for Activist Media Practices. Contact me, if you would like a copy. 

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